Als mich das Leben ansah

Eine Reportage über den Austria eXtreme Triathlon, einen langen Tag in den Bergen – und Menschen, die für das brennen, was sie tun.

Protagonisten

Markus Sartory · Christian Maul

Ort

Steiermark · Österreich

Zeitraum

Juni 2022

Distanz

3,86 · 180 · 42,2 km

Höhenmeter

5.800 HM

Lesezeit

8 MIN.

Es ist 4.30 Uhr am Morgen, als sich Menschen in die Mur begeben. Vor ihnen liegen 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer auf dem Rad und ein Marathon durch die Berge. Für Markus Sartory und Christian Maul beginnt ein langer Tag. Für mich wird es eine Reise, deren Bedeutung ich erst verstehen werde, als ich längst wieder zu Hause bin.

4.30 UHR. DIE MUR.

Es ist noch dunkel, als die Athleten in die Mur steigen.

Das Wasser hat etwa 18 Grad. 3,8 Kilometer liegen vor ihnen, zunächst gegen die Strömung. Am Vortag hatte Eisschwimm-Weltmeisterin Claudia Müller ihnen geraten, möglichst nah am Ufer zu bleiben. Dort ist die Strömung schwächer.

Irgendwo im Wasser schwimmt Markus Sartory.

Christian Maul und ich gehören zu seinem Supportteam. Wir werden ihn durch diesen Tag begleiten – nicht permanent an seiner Seite, sondern immer dort, wo die Strecke es zulässt.

Nach einer Stunde und zehn Minuten kommt Markus aus der Mur. Maria Schwarz hilft ihm aus dem Wasser.

Dann muss es schnell gehen. Neopren herunter, umziehen, auf das Rad.

Markus und Christian haben den Wechsel vorher besprochen. Markus streift den Neoprenanzug bis zu den Füßen ab, Christian soll ihm den Rest mit einem kräftigen Ruck ausziehen.

Der Plan funktioniert. Fast.

Der Anzug hält hartnäckiger als gedacht. Für einen kurzen Augenblick zieht Christian Markus auf dem Hosenboden durch die Wechselzone. Die Zuschauer lachen. Markus auch.

Wenig später sitzt er auf dem Rad.

Vor ihm liegen 180 Kilometer durch die Steiermark.

Nach 3,8 Kilometern in der Mur hilft Maria Schwarz Markus Sartory aus dem Wasser. Für ihn beginnt der Wechsel aufs Rad.

WARTEN. SUCHEN. WEITERFAHREN.

Für Christian und mich beginnt damit ein anderer Teil dieses Rennens.

Wir fahren voraus, suchen einen geeigneten Punkt und stellen das Auto ab. Christian bereitet Getränke und Verpflegung vor, ich die Kamera.

Dann warten wir.

Wo ist er?

Der GPS-Tracker gibt uns eine ungefähre Antwort. Verlassen können wir uns darauf nicht.

Irgendwann erscheint in der Ferne ein Radfahrer.

Ist er das?

Ja.

Plötzlich geht alles schnell. Christian reicht Verpflegung, ich fotografiere, ein paar Worte werden gewechselt – dann ist Markus schon wieder verschwunden.

Alles zurück ins Auto. Weiter.

Dieses Muster bestimmt unseren Tag. Stundenlang sind wir unterwegs für Begegnungen, die manchmal nur Sekunden dauern. Dazwischen gehen Nachrichten an Freunde und Familie zu Hause: Wo ist er? Wie geht es ihm? Wie sieht er aus?

Mit der Zeit begreife ich, dass auch das zum Austria eXtreme gehört. Um einen Athleten herum bewegt sich ein ganzes Team. Menschen fahren voraus, warten, versorgen, beobachten – und versuchen, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.

Fast die gesamte Radstrecke liegt hinter Markus, als wir am Sölkpass noch einmal auf ihn warten.

Diesmal haben wir etwas anderes dabei als Verpflegung.

Wir rufen seine Frau an.

Ich stelle das Telefon auf laut und laufe ein Stück neben Markus her. Für einen kurzen Moment gibt es keine Streckenplanung, keine Gels und keine Zwischenzeiten. Nur eine vertraute Stimme von zu Hause.

Dann kann ich nicht mehr mithalten.

Markus fährt weiter bergauf.

180 Kilometer auf dem Rad führen durch die Steiermark. Das Supportteam wartet an ausgewählten Punkten mit Verpflegung und Ausrüstung.
Kurze Begegnung, schnelle Übergabe: Christian Maul versorgt Markus Sartory während der Radetappe.
Für das Supportteam besteht der Tag aus Vorausfahren, Warten und wenigen Sekunden gemeinsamer Zeit an der Strecke.
Jörg Riese wartet mit der Kamera an der Strecke auf Markus Sartory – einer von vielen kurzen Treffpunkten während des langen Renntages.

EIN RENNEN, DAS NIEMAND ALLEIN BESTREITET

Wenig später verändert sich das Rennen.

Christian bereitet sich auf seinen eigenen Teil dieses Tages vor. Beim Austria eXtreme endet seine Aufgabe nicht mit der Radstrecke. Von nun an begleitet er Markus zu Fuß.

Aus dem Supporter wird ein Mitläufer.

Für mich werden die Möglichkeiten, die beiden zu erreichen, weniger. An einigen zugänglichen Punkten treffe ich sie noch einmal. Christian nimmt Getränke und Verpflegung entgegen, ich mache ein paar Bilder. Dann verschwinden beide wieder auf dem Trail.

Die Kilometer werden mehr, die Gesichter müder, die Landschaft größer.

An der Silberkarklamm beginnt der alpine Teil. Die vorgeschriebene Notfallausrüstung wird kontrolliert. Von hier führt der Weg weiter hinauf Richtung Dachstein.

Auf den letzten Kilometern liegt Schnee.

Nach Stunden im Wasser, auf dem Rad und zu Fuß bewegen sich Markus und Christian gemeinsam auf das Ziel zu. Was am frühen Morgen an der Mur noch abstrakt erschien, ist jetzt beinahe greifbar.

Und doch muss jeder Meter noch gegangen werden.

Ab der Laufstrecke begleitet Christian Maul seinen Freund Markus Sartory zu Fuß – weiter in Richtung Dachstein.

LEIDENSCHAFT

Am Ende kommen sie gemeinsam.

Nach 14 Stunden und 39 Minuten erreicht Markus das Ziel am Dachstein. Hinter ihm liegen 3,8 Kilometer in der Mur, 180 Kilometer auf dem Rad, ein Marathon durch die Berge – und ein Tag, der sich irgendwann nicht mehr sinnvoll in Zahlen erzählen lässt.

Was bleibt, sind Erschöpfung und Erleichterung. Und Menschen.

Menschen, die gewartet, begleitet, organisiert, versorgt und angefeuert haben. Viele von ihnen tragen keine Startnummer und gehören doch genauso zu diesem Rennen.

Am nächsten Tag begegnen wir ihnen bei der Finisher-Zeremonie wieder. Gesichter, die Stunden zuvor noch von Anstrengung gezeichnet waren, wirken gelöst. Geschichten werden erzählt, man lacht, umarmt sich.

Erst hier wird sichtbar, wie viele Menschen den Austria eXtreme tragen.

Vielleicht ist es das, was von diesem Wochenende zuerst bleibt: nicht eine Zeit oder eine Platzierung, sondern die Energie der Menschen, die diesen Tag möglich gemacht haben.

Leidenschaft ist hier nichts Abstraktes.

Man kann sie sehen.

Nach 14 Stunden und 39 Minuten erreicht Markus Sartory gemeinsam mit Christian Maul das Ziel am Dachstein.

ALS MICH DAS LEBEN ANSAH

Einige Tage später sitze ich wieder im Büro und erzähle einem Kollegen von diesem Wochenende.

Von Markus und Christian. Von der Mur am frühen Morgen, den Stunden auf der Straße und den Menschen, die dieses Rennen möglich machen.

Während ich erzähle, bemerke ich den Kontrast.

Nicht zwischen einem spektakulären Wochenende und einem gewöhnlichen Alltag. Es ist etwas anderes.

In Österreich war ich Menschen begegnet, die für etwas brannten. Und irgendwo zwischen Mur, Sölkpass und Dachstein hatte ich verstanden, dass mich genau das interessiert.

Menschen, die etwas mit Leidenschaft tun.

Ich wollte wissen, warum sie es tun. Was sie antreibt. Was sie bereit sind, dafür auf sich zu nehmen.

Und ich wollte ihre Geschichten erzählen.

Damals hatte ich dafür noch keinen fertigen Plan. Ich wusste nicht, was daraus einmal entstehen würde. Aber ich wusste, wie sich diese Tage angefühlt hatten: wenig Schlaf, ständig unterwegs, die Kamera fast immer griffbereit – und trotzdem vollkommen wach.

Vielleicht hatte ich dort etwas gefunden, nach dem ich schon länger gesucht hatte.

Als hätte mir das Leben für einen kurzen Moment direkt ins Gesicht gesehen und eine einfache Frage gestellt:

Wie möchtest du eigentlich leben und arbeiten?

Die Antwort darauf brauchte Zeit.

Vielleicht begann sie an diesem Wochenende.

Markus Sartory, Christian Maul und Jörg Riese nach dem Austria eXtreme 2022.

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