Heute Morgen sitze ich wieder zu Hause auf meiner Terrasse. Vor mir ein Kaffee, mein Journal und ein Füller. Es ist ruhig.
Ich lasse die vergangenen Tage Revuee passieren und merke dabei, wie viel in dieser kurzen Zeit passiert ist.
Gestern habe ich von meiner Reise erzählt. Von den Orten, den Menschen, den Gesprächen. Irgendwann fiel mir auf, dass sich Innsbruck bereits erstaunlich weit entfernt anfühlt.
Dabei ist es gerade einmal ein paar Tage her.
Ich sehe mich wieder am Inn entlanggehen. Höre das Wasser. Denke an das Black-Diamond x norda-Event, an Gespräche über das Laufen, über Ausrüstung und darüber, was man wirklich braucht.
Und dann fällt mir plötzlich das Gespräch mit Marie-Luise und Marcus ein.
Fast hätte ich es beim Erzählen vergessen.
Nicht, weil es unwichtig gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Wir saßen zusammen, haben gesprochen, ich habe zugehört, fotografiert und ihre Stimmen aufgenommen. Eigentlich genau die Art von Begegnung, nach der ich suche.
Und danach kamen schon wieder neue Orte, neue Menschen und neue Geschichten.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ich schreibe.
Nicht um alles festzuhalten.
Sondern um mich zu erinnern.
Nach Innsbruck ging es weiter nach Ravensburg.
Und plötzlich wurde die Reise langsamer.
Kein Event. Kein Terminplan. Keine Geschichte, die unbedingt entstehen musste. Zeit mit Anja, lange Gespräche, ein Tag am Bodensee, durch Ravensburg laufen. An einem anderen Tag fuhren wir nach Bregenz und gingen klettern.
Ich mag diese Wechsel.
Vor einigen Wochen war ich noch in einem Vier-Sterne-Hotel in Lech Zürs. In Innsbruck schlief ich bei Matthias auf einer Matratze in einer WG. In Ravensburg war ich bei Anja zu Gast. Dazwischen lagen Berge, Städte, Fahrräder, Kaffee, Gespräche und immer wieder die Frage, was der nächste Tag bringen würde.
Selbst die kleinen Pannen gehörten irgendwann dazu.
Eines Morgens stellte ich fest, dass mein mobiles Datenvolumen aufgebraucht war. Kein Internet mehr, sobald ich das WLAN verließ. Keine Navigation, keine Route auf dem Handy. Etwas, das im Alltag kaum der Rede wert wäre, wurde unterwegs plötzlich zu einer kleinen Herausforderung, die gemeistert werden wollte.
Also suchte ich mir meinen Weg, landete schließlich in einem Vodafone-Shop in Ravensburg und kümmerte mich darum.
Keine große Geschichte.
Und vielleicht gerade deshalb eine Erinnerung an diese Tage.
Unterwegs funktioniert nicht immer alles. Man improvisiert. Fragt nach. Findet einen Weg. Und fährt weiter.
Ich merke, dass mir genau das gefällt.
Ich mag ein gutes Hotel. Einen schön gedeckten Tisch. Gestaltung, Qualität und Ästhetik.
Und genauso mag ich eine Matratze auf dem Boden. Eine kurze Hose und Flip-Flops. Das Fahrrad. Einen Kletterspot in Bregenz. Einen Kaffee irgendwo unterwegs. Einen Menschen, der anfängt zu erzählen.
Vielleicht bedeutet Freiheit für mich auch, mich nicht zwischen diesen Welten entscheiden zu müssen.
Die letzten Tage führten mich schließlich in den Schwarzwald.
Das Rote Häusle bei St. Peter.
Wieder andere Menschen. Andere Lebensentwürfe. Gespräche, mit denen ich morgens noch nicht gerechnet hatte.
Ich nahm an einem Bedürfniskreis teil und lernte einen Mann kennen, der körperlich eingeschränkt ist und dennoch mit seinem Handbike große Reisen unternimmt. Bis nach Bulgarien ist er damit bereits gefahren.
Wir kamen ins Gespräch.
Er erzählte von seinen Reisen, seiner Arbeit, von Natur und davon, Menschen mit seiner Geschichte erreichen zu wollen.
Und während ich ihm zuhörte, entstand in meinem Kopf bereits wieder etwas.
Vielleicht eine Geschichte.
Vielleicht eine Reportage.
Vielleicht zunächst auch nur eine Begegnung, die bleiben darf.
Genau das mag ich am Unterwegssein: nicht zu wissen, was daraus entsteht.
Gestern, nachdem ich von all dem erzählt hatte, kam eine einfache Frage:
„Hättest du noch weiterreisen können?“
Meine Antwort kam sofort.
Ja.
Ich hätte weiterfahren können.
Dieser Satz ist mir geblieben.
Denn plötzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich das, was ich in diesen Tagen erlebt habe, immer gesucht habe.
Nicht möglichst viele Kilometer zurückzulegen. Keine Liste von Sehenswürdigkeiten abzuhaken. Und auch nicht, vor etwas davonzufahren.
Es ist etwas anderes.
Diese Offenheit.
Nicht genau zu wissen, was hinter der nächsten Kurve wartet.
Menschen kennenzulernen. Geschichten zu entdecken. Alleine unterwegs zu sein, ohne mich einsam zu fühlen. Einen Ort wieder zu verlassen, obwohl es dort schön war, weil irgendwo ein nächster wartet.
Und irgendwann vielleicht anzukommen, ohne dass die Reise deshalb vorbei sein muss.
Natürlich bringe ich von solchen Tagen Bilder mit. Speicherkarten, Handyfotos, Audioaufnahmen, Namen, Telefonnummern und Notizen.
Aber das Wesentliche lässt sich schwieriger archivieren. Es sind die Gespräche. Die Übergänge. Das Rauschen eines Flusses. Eine Matratze auf dem Boden. Ein gemeinsamer Tisch. Ein Kaffee am Morgen.
Menschen, die einem für eine Weile etwas von ihrem Leben zeigen.
Und vielleicht die Erkenntnis, dass ich mich in diesem Unterwegssein erstaunlich zuhause fühle.
Jetzt sitze ich wieder auf meiner Terrasse. Vor mir mein Journal. Die Reise ist vorbei. Zumindest geografisch.
Beim Schreiben merke ich, dass sie in mir noch eine ganze Weile weitergehen wird.